Fischöl schützt nicht vor Herzinfarkt

Fischöl schützt nicht vor Herzinfarkt
Die Gesundheitsnutzen von fettigem Fisch und Omega-3-Fettsäuren für Herz und Kreislauf waren ein leeres Versprechen - was bleibt ist eine fische Geschichte.

Die Story des Fischöls beginnt bereits in den 1960iger Jahren. Die dänischen Ärzte Bang und Dyerberg erfahren von einer bemerkenswerten Beobachtung: Eskimos sollen seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, als der Durchschnittseuropäer. In sechs Grönland-Expeditionen untersuchten die beiden Forscher, die Ernährungsgewohnheiten und analysierten das Blut der Einheimischen. Das Essen der Eskimos, sogenannte Inuit-Ernährung, besteht überwiegend aus Wal- und Robbenfleisch. Es ist deswegen reich an Omega-3-Fettsäuren und arm an Lebensmitteln wie Obst oder Gemüse, die Herz und Blutgefäße schützen.

Aus diesem Widerspruch leiteten die Forscher eine Vermutung ab – langkettige Omega-3-Fettsäuren aus fettigem Fisch seien gesund für das Herz. Eine Behauptung, welche die wissenschaftliche Community größtenteils übernahm. Bis heute wurden, ausgelöst durch die Eskimo-Fisch-Story, über 5000 wissenschaftliche Artikel über mögliche Vorteile von Omega-3-Fettsäuren veröffentlicht. Das Problem dabei war, die Grundannahme von Bang und Dyerberg, entsprach nicht der Wahrheit.

Fischige Geschichte

Die beiden Forscher untersuchten das Ernährungsverhalten und nicht die Herz-Kreislauf-Gesundheit der Eskimos. Sie akzeptierten die Erzählungen der indigenen Bevölkerung und ihre eigenen Informationsquellen als Faktum. Ein Irrtum der sich, trotz gegenteiliger Forschungsergebnisse, lange gehalten hat. In Wahrheit sterben Eskimos vergleichsweise häufig an Schlaganfällen und doppelt so häufig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie haben zudem ein um 10 Jahre kürzeres Leben als die dänische Durchschnittsbevölkerung. Dahingehende Studien reichen sogar auf bis zu 1600 Jahre alte Inuit zurück, welche in Ausgrabungen aus dem ewigen Eis befreit wurden. Aus Querschnitten ihrer Blutgefäße wurde bekannt, dass Atherosklerose bereits damals unter Eskimos weit verbreitet war.

Omega-3-Fettsäuren schützen nicht vor Herzkrankheiten

Mit großangelegten Untersuchungen hat sich die Informationslage vor allem in den letzten sechs Jahren verändert. Denn egal ob Fischölkapseln geschluckt werden oder Meeresfisch verspeist wird: es zeigte sich in Studien keine Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch kein Schutz, wenn bereits Erkrankungen des Herzens bestehen. Erst im Juli dieses Jahres fassten ForscherInnen, die Ergebnisse aus 79 klinischen Studien mit über 112.000 Personen zusammen. Dabei gab es für die TeilnehmerInnen keinerlei Vorteile durch langkettige Omega-3-Fettsäuren aus Fisch oder Fischöl. Nur pflanzliche Omega-3-Fettsäuren, sogenannte alpha-Linolensäure, bot eine Schutzwirkung vor koronarer Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen und Ereignissen wie Herzinfarkt.

Alpha-Linolensäure wird in unserem Körper in sogenannte langkettige Omega-3-Fettsäuren umgebaut. So werden beispielsweise aus Leinsamen die gleichen Fettsäuren gebildet, welche in Fisch und Algen vorkommen. Eine gute Quelle für pflanzliche Omega-3-Fettsäuren sind Leinsamen, Walnüsse, Chiasamen, Algen, Hanf- oder Sojaprodukte.

Diese Erkenntnisse werden durch eine aktuelle Studie der ASCEND Study Collobartion Group erneut unterstützt. Über 15.000 britische DiabetikerInnen wurden angeleitet, entweder 1 g Fischöl-Kapseln, oder ein Placebo aus Olivenöl einzunehmen. Nach einem Beobachtungszeitraum von sieben Jahren zeigten sich keine Vorteile durch Omega-3-Supplemente für die Herzgesundheit. Die AutorInnen schlagen deswegen vor, endgültig alle Empfehlungen für Fischöl-Supplemente aus klinischen Leitlinien für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entfernen.

Anwendungsgebiete von Omega-3-Fettsäuren

Langkettige Omega-3-Fettsäuren aus Fisch- oder Algenöl haben in der Ernährungsmedizin aber nach wie vor ihre Bedeutung. Die darin enthaltenen Fettsäuren Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA) können das körpereigene Entzündungsgeschehen positiv beeinflussen. Die Nahrungsergänzung kann bei Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, bei sehr hohen Triglycerid-Werten, multipler Sklerose oder Makuladegeneration effektiv eingesetzt werden. Experimentelle Ansätze gibt es beispielsweise in der Vorsorge und Therapie von Depression, Demenz, oder Neurodermitis bis hin zu Menstruationsbeschwerden. Außerdem können Omega-3-Fettsäuren in der Krebstherapie möglicherweise bei Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit helfen.

Empfehlung Omega-3-Fettsäuren

  • Der tägliche Bedarf an Omega-3-Fettsäuren kann mit einem Teelöffel Leinsamen gedeckt werden. Um die Nährstoffe besser aufnehmen zu können, sollen die Samen geschrotet oder gemahlen werden. Weitere gute Quelle für pflanzliche Omega-3-Fettsäuren sind Walnüsse, Chiasamen, Algen, Hanf- oder Sojaprodukte.
  • Fische bieten für die Herz-Kreislauf-Gesundheit keine Vorteile gegenüber pflanzlichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide, Nüsse oder Samen. Wenn pflanzliche Alternativen abgelehnt werden, sollen Fischmahlzeiten im Vergleich zu Fleisch, insbesondere rotem und verarbeitetem Fleisch, bevorzugt werden.
  • Bei familiärer Vorbelastung mit neurologischen Erkrankungen wie Demenz oder multipler Sklerose, kann das Risiko durch eine Nahrungsergänzung wahrscheinlich gesenkt werden. Täglich 250 mg langkettige Omega-3-Fettsäuren (DHA & EPA) in Form von Algenöl sind ausreichend für eine mögliche vorbeugende Wirkung.
  • Ob Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren bei Krankheiten und Beschwerden sinnvoll eingesetzt werden können, ist vom Krankheitsbild abhängig. Im Rahmen einer ernährungsmedizinischen Beratung wird der Einsatz in Abstimmung mit deinem Arzt/deiner Ärztin geklärt.
  • Wenn mehr als 1,5 g Omega-3-Fettsäuren am Tag eingenommen werden möchten und eine starke Blutungsneigung vorliegt, sollte die Anwendung in jedem Fall vorher mit dem Arzt/der Ärztin besprochen werden.

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Foto: PublicDomainPictures/pixabay.com

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